Intermezzo mit viel Gefühl, ohne Kalkül. Oder: Wenn Fächer sprechen …

Zum 8. Mal stellen Künstler aus den Hoffnungstaler Werkstätten Biesenthal ihre Werke in der Fachwerkkirche Glambeck aus.

Ein Fächer hilft nicht nur, wenn die Luft knapp wird, man kann auch sehr gut hinter diesem Schmuckstück sein Gesicht verstecken. Mitunter dient er sogar dem Austausch nonverbaler Geheimbotschaften, wie es auf Gesellschaften ab dem 18. Jahrhundert praktiziert wurde.
Erst unser zweiter Blick beim Besuch der Fachwerkkirche Glambeck wird auf die sechs Zeichnungen fallen, denen lediglich der schlichte Titel ‚Fächer' (Gouache auf Karton, 50 x 70 cm) gemeinsam ist. Sie sind Teil der Ausstellung "Intermezzo", die unter dem Motto "Bild und Seele" zum 8. Mal Arbeiten versammelt, welche in der Kunsttherapie der Hoffnungstaler Werkstätten unter Leitung der Malerin Heidrun Rueda entstanden sind.
"Lavendel" - Gabi Schröder, Acryl auf Leinwand, 70 x 100 cm "Fächer" - Silke Prahl, Gouache auf farbigem Papier, 50 x 70 cm
Wie ein kalligraphisches Feuerwerk wirkt der Fächer von Marlies Winkelmann, der in einem geschlossenen Halbrund einen ganzen Kosmos gestischer Zeichen in Bewegung setzt. Himmelblau-weiß-golden und mit sicherem Pinselstrich schlägt sich das gefächerte Objekt bei Norbert Wandelt zum stolzen Pfauenrad auf. Ortrun Kaping funktioniert die Fächerstäbe zu Säulen eines großen hellen Palastes um, der vielen Seelen Heimstatt bietet und den kühne Federspitzen himmelwärts tragen. Als lustiges Dreieck an einem zartrosa Band tänzelt der Fächer von Silke Prahl im Wind, während jener von Frank Treu sich zu zwei symbiotisch verbundenen, fließenden Formen entfaltet. Ein lachendes Blatt voller geheimnisvoller Wellen und Blumen hat Helmut Nest aufs Papier gebracht.

Von Helmut Nest finden wir noch ein zweites Bild: "Vögel im Abendlicht" (Acryl auf Leinwand, 60 x 40 cm). Drei seltsame Vögel waten in einen orange-violetten Sonnenuntergang hinein. Der gegenüberliegende "Vogel im Abendlicht" von Nicole Gohde muss allein mit dem Naturschauspiel bleiben. Wie auch bei den anderen farbintensiven Malereien, z.B. den "Winterbäumen" von Petra Anderweit und Janine Hofmann (Acryl auf Leinwand, 40 x 60 cm) ist die gemeinsame Vorlage ersichtlich. Doch verwandelt sie sich in eine Spur, die ganz eigenen, inneren Pfaden folgt. Der Zusammenhang von Bild und Seele wird dem Künstler wie dem Betrachter so zur möglichen Erfahrung.

Dass die Welt aus vielen Wirklichkeiten besteht, spiegelt sich besonders in den Fächer-Zeichnungen, weil sie den meisten Raum für eigene Interpretationen bieten. Ob Fächer oder Landschaft: die Künstler verstecken ihr Gesicht nicht, sondern kehren ihr Innerstes nach außen und zeigen uns, dass sich in einem Fächer viele Antlitze verbergen und jedes ein Seinsrecht besitzt. Sie begegnen diesem bunten inneren Kosmos wie auch den damit verbundenen Ängsten und teilen uns diese Welt offenherzig mit. Da verbiegt sich keiner, um zu gefallen. Da wird genormte Ästhetik nicht bedient. Da ist Berechnung ein Fremdwort. Die Ausdrucksstärke der Bilder gründet in Feinsinn und Vorbehaltlosigkeit. Ihre Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit erinnert an jene magische Phantasie, die man noch bei Kindern und Naturvölkern finden kann.

Spätestens seit dem Bahn brechenden Engagement von Psychiatern wie Hans Prinzhorn oder Leo Navratil wissen wir, dass künstlerische Qualität eben nicht eine Frage der ‚Normalität' ist. Ganze Generationen von Avantgarde-Künstlern ließen sich vom ungezwungenen Gestaltungswillen ‚Anderer' inspirieren. Und längst holt sich der Kunstmarkt aus den kreativen Werkstätten selbst seinen lukrativen Input.
Auch die Hoffnungstaler Arbeiten sind verkäuflich. Mit 280 Euro ist das farbenkräftigste Bild, der "Lavendel" von Gabi Schröder (Acryl auf Leinwand, 70 x 100 cm), zugleich das teuerste. Doch hier soll es nicht um Profit gehen, eher um Anerkennung der Künstler und Unterstützung der Werkstätten.
Die Kunsttherapie hat in den Hoffnungstaler Werkstätten eine lange Tradition. Das Angebot zur kreativen Gestaltung soll die manchmal doch monotone Werkstattarbeit ergänzend begleiten und wird von den ‚Hoffnungstalern' gern angenommen. Mit 40 Teilnehmern, verteilt auf 6-Personen-Gruppen, sind die Kunstkurse von Heidrun Rueda bestens besucht und haben ihre - ausbaubare und ausbauenswerte - Kapazitätsgrenze erreicht. Manche, wie Marlies Winkelmann oder Helmut Nest, sind schon seit vielen Jahren in den Kursen aktiv. Dieses "Malen in der Gruppe" findet zwei Mal pro Monat statt. Einigen reicht dies nicht aus und sie sind im Rahmen der ihnen gegebenen Möglichkeiten auch in ihrer Freizeit künstlerisch tätig.

Dass dieses freie Gestalten ohne Zwang und Druck den Teilnehmern gut tut, sieht man den Bildern an. Beflügelnd auf Künstler und Betreuer wirkt obendein, wenn das Entstandene Beachtung und Würdigung findet, wie im Falle eines im letzten Jahr gewonnenen Kunstpreises oder aktuell durch das Glambecker "Intermezzo".
Die Ausstellung passt gut in diese kleine Kirche, die ja ein Ort der Begegnungen zu sein beansprucht und einen Raum des Verstehens öffnen soll. Wir begegnen Bildern, die uns, wenn wir genau hinschauen, die Welt so zeigen, wie wir sie vielleicht noch nie gesehen haben. Sie verraten uns Geheimnisse. In der ihnen eigenen Sprache. Die auch die Fächersprache sein kann, wenn der Fächer die Verlängerung des Armes, der Arm die des Herzens ist.

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. April 2010 in der Fachwerkkirche Glambeck (Wolletzer Weg) zu sehen und täglich ab 10 Uhr geöffnet.

Ein Ausflug nach Glambeck lohnt, da auch - wie das Kirchlein - das kleine Dorfmuseum und das Redern-Museum im Taubenturm 
täglich ab 10 Uhr geöffnet sind, und die Kirchenklause Sa./So. ab 11 Uhr zur Einkehr einlädt. 
Und: der Frühling ist am See, im kleinen Gutspark und im Welsetal eingekehrt

von Anke Paula Böttcher

www.lobetal.de/werkstaetten/fbb.htm

www.glambeck-schorfheide.de

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